Eine Geschichte nach einem Interview mit Mohammad

Titelbild von "Die Toten in meinem Kopf"
Das ist „Mohammad ohne Kopf“

Mir geht es gut. Manchmal glaube ich, hier ist ein ganz anderer Stern. Europa ist eine andere Welt: Die Leute helfen, niemand hat Angst. Man kann einfach spazieren gehen. Wir treffen uns sogar auf der Wiese zum Fußball spielen. Keiner sagt etwas, wir können einfach spielen, eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden.  Die Leute reden sogar mit uns. Alle sind nett.

Diese Geschäfte überall. Der Überfluss. Wir haben bei uns im Dorf nur ein Geschäft gehabt, für Ziegen und Lammfleisch. Hühner hatten wir selber. Brot backt die Mutter aus Maismehl, wir bauen den Mais an, genauso wie Gemüse und Obst. Auch Kleidung haben wir nie gekauft, die Mutter näht alles selber. Fürs Zähneputzen verwenden wir kleine faserige Holzstücke aus dem Masuakbaum – mit Salz – damit sie weißer werden. Die Wäsche wird im Fluss gewaschen. Strom gibt es nicht.  Wir haben alle viel Arbeit- es gibt keinen Sonntag, keinen Feiertag. Eigentlich haben wir kein Geld. Wir brauchen es auch  eigentlich nicht – Geld ist gefährlich. Wenn man eins hat, wird es doch nur von irgendwelchen Banden oder Taliban gestohlen.

Hier ist eine andere Welt. Ich mag Zahnpasta lieber. Alles ist gut hier. Man kann sogar die Polizei grüßen, ich hab‘s zuerst gar nicht geglaubt. Wie kann das sein, dass wir hier, in einem so fremden Land frei sind und in meiner eigenen Heimat nicht? Ich würde gern arbeiten, aber das geht nicht. So gehe ich laufen und Fußball spielen und in die Schule und es geht mir gut.  Ich bin in Sicherheit.

Nur in der Nacht. In der Nacht ist es immer schlimm. Ich will nicht einschlafen, weil ich schon weiß was kommt. Es sind die Toten in meinem Kopf. Ich sehe das Blut, die Gesichter, die abgeschnittenen Köpfe. Ich sehe so viele. Manchmal kenne ich sie, manchmal nicht. Manchmal sehe ich sie überhaupt nicht genau, aber ich weiß, dass sie tot sind. Sie sprechen mit mir – Mohammad, wo bist du, warum bist du nicht bei uns, bring uns Essen und Trinken, bring uns nach Hause. Ich wache auf und bin so traurig. Ich bin nicht dort und kann nicht helfen. Und dort könnte ich auch nicht helfen, sie sind ja tot. Sie sind Dschinns. Sie hören nicht auf zu kommen, nie ist Ruhe. Ich wache auf und mein Herz schmerzt. Manchmal muss ich deswegen ins Krankenhaus, weil ich keine Luft mehr kriege und das Herz tut so weh. Auch gibt es da eine Stelle am Kopf wo der Schmerz sitzt. Manchmal träume ich auch von Leuten, die noch nicht tot sind, meiner Mutter, meinem Vater, meinen Geschwistern. Dann glaube ich, sie sind auch gestorben. Und eigentlich weiß ich es gar nicht so genau, ich kann sie ja nicht fragen. Es gibt kein Telefon.

Allahs Finger mahnt mich zurückzukommen, dort wo die Dschinns sind. Er mahnt mich, dass ich bei meinen Leuten bleiben soll und ihnen helfen. Ich will nicht zurück. Niemals. Nie mehr.

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