Birgit Eder// Betreuer // Österreich

Unzumutbare Umstände herrschen in unseren Kursräumen. Wer wird wohl der Nächste sein?

Seit 6 Jahren arbeite ich bereits in der Erwachsenenbildung und das mit sehr großen Begeisterung. Meine „Klientel“ besteht zum Großteil aus jungen Afghanen, einigen Syrern, Iranern und wenigen Österreichern. Selten bis nie habe ich weibliche Unterstützung! Daher erlaube ich mir den Text in der männlichen Form zu schreiben, meine damit aber auch alle meine Damen, die ich leider an einer Hand abzählen kann. Die Namen aller meiner Teilnehmer, die ich hier im Text schreibe, habe ich abgeändert und kursiv geschrieben, damit keiner eine Ähnlichkeit erkennen kann. Besonders die Teilnehmer, die abtauchen mussten, weil sie Negativ bekommen haben, möchte ich mit diesem Artikel nicht belasten! Die Geschichte die ich hier schreibe, ist NICHT frei erfunden und hat sich genau so zugetragen.

So läuft‘s in den Kursen

Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss, so nennt sich eines der „Programme“, welche viele der Afghanen hier in Österreich besuchen. Für alle, die nicht mehr die „normale“ Schule besuchen können, weil sie bereits 16 Jahre oder älter sind, haben hier die Möglichkeit einen Schulabschluss zu machen. Vom einfachen Bauernbub aus den Bergen des Hindukusch, bis zum Schneider aus Kunduz oder dem Studenten aus Kabul, alle treffen sich hier um einen in Österreich anerkannten Abschluss zu machen. Das sprachliche Niveau sollte mindestens A2 sein. Es gibt eine Aufnahmeprüfung und von daher sind die Plätze schon sehr begehrt. Hier lernen sie neben den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch, auch Fächer wie Gesundheit und Soziales, Natur und Technik und Berufsorientierung. Für die Teilnehmer heißt es ein Jahr, oder in Ausnahmefällen sogar 2 Jahre, die „Schulbank“ zu drücken und dann vor einer Prüfungskommission zu bestehen. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass sie oftmals zuhause keine Chance auf Bildung bekommen haben. Immer wieder gibt es auch Teilnehmer, die in ihrer Sprache weder lesen noch schreiben können und hier in Österreich erst einmal alphabetisiert werden müssen. Das sind auch die dankbarsten, die sich besonders freuen, weil sie endlich etwas lernen dürfen. Seit den verschärften Aufnahmeprüfungen, hier im Haus, gibt es leider kaum noch anfängliche Analphabeten hier in unseren Kursen, was ich sehr bedauere. Gerade die, die auch in ihrer Heimat keine Chance haben, kriegen bei uns auch keine mehr. Der Umgang in den Kursen ist freundlich, respektvoll, meist sehr lustig und natürlich auch ab und zu schwierig.

„Das Schlimmste an den Flüchtlingen ist die Respektlosigkeit und die Gewalt gegenüber Frauen“, höre ich als Argument von einigen meiner Mitmenschen gegenüber den Afghanen. Bedauerlicherweise liest man das auch oft in den Schmierblättern, was leider für viele immer noch meinungsbildend ist. Auf meine Frage, wie viele Afghanen sie denn kennen, kommt meistens als Antwort, keine! Aber sie haben es gehört oder gelesen. In meinen 6 Jahren als Kursleiterin habe ich jedes Jahr etwas mehr als 30 Afghanen im Kurs sitzen, also persönlich kenne ich in etwa 200. Dass die Gewalt von Seiten meiner Kursteilnehmer so groß ist, kann ich daher überhaupt nicht bestätigen. Einzelne „Ausreißer“ gibt es in unseren Kursen natürlich, aber auch die kann ich an einer Hand abzählen. Zur Gewalt kam es bei mir genau zwei Mal – einmal von einem Österreicher, der bereits eine kriminelle Vergangenheit hatte und einmal zwischen einem Syrer und einem Somali, die sich gegenseitig nicht ausstehen konnten. Machos gibt es überall, selten aber in Afghanistan. Und fürsorglich sind unsere Kursteilnehmer: Am Abend wollen sie uns Referentinnen nicht alleine zum Bus gehen lassen, denn sie meinen, dass das gefährlich sei. So wollen die „gefährlichen“ Afghanen uns zum Bus bringen, damit uns nichts passieren kann. Eine typische Geste ihrer Wertschätzung!

Unsere Sorgen in diesem Jahr

Wir haben in diesem Jahr mit anderen Sorgen zu kämpfen, wo wir machtlos sind und die uns auch oft sehr traurig machen. Gerade heute, ist wieder einmal ein Tag, wo der Frust sehr groß ist! Schon seit Tagen, herrscht in den Kursen eine gedämpfte Stimmung, bei einer Gruppenarbeit wird nur still vor sich hingearbeitet. Kaum ein Wort wird gewechselt, es ist mucksmäuschenstill, man kann eine Nadel fallen hören. „Was ist denn los? Warum sprecht ihr denn nicht miteinander? Das ist eine Gruppen- und keine Stillarbeit“, frage ich leicht verärgert und knöpfe mir den Teilnehmer, der mir am nächsten sitzt, vor. Bevor er antworten kann erzählt ein anderer Schüler mit stockender Stimme, dass ein Freund von ihm gestern von der Polizei abgeholt wurde. Es heißt für ihn zurück nach Kabul! „Dort sein nicht sicher“, ruft Fritz völlig aufgebracht, „immer wieder dort Bomben und Leute ermordet“. Nach und nach erheben sich immer mehr Stimmen, zuerst in deutscher Sprache und dann auf Dari! Ich versuche sie zu beruhigen, was mir aber kaum gelingt. Ist das doch ein Thema, das sich nicht so schnell beruhigen wird. Ich möchte mit der Gruppenarbeit weitermachen, obwohl ich mir manchmal denke, wofür das Ganze! Leider ist das kein Einzelfall, die Angst ist groß, wer wird der nächste sein? Und schon zwei Tage später weiß ich es! Ich bin gerade auf dem Weg in den Kursraum, da kommt Kurtl, ein 34-jährige Afghane zu mir, gibt mir seine Hand und sagt danke. „Oh wie nett ist denn das?“ denke ich bei mir. Kurz freue ich mich, dann merke ich aber an seinem Gesichtsausdruck, dass etwas passiert sein muss. „Ich habe Negativ bekommen“, berichtet er stockend und meint im selben Atemzug, dass alles keinen Sinn mehr hätte. „Ich kann nicht zurück, dort ich werde sterben“. „So schnell wirst du nicht zurück geschickt“, erkläre ich mit sicherer Stimme, weiß aber selber, dass meine Behauptung wahrscheinlich Wunschdenken ist. „Doch, am 27. muss ich gehen“, sagt Kurtl mit zitternder Stimme, aus der ich ganz klar seine Angst höre! Ich merke, wie mir die Tränen aufsteigen und ich nur noch denke, ich muss fort von hier. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Diese Ungerechtigkeit, die nagt an mir. Wieder einer der gehen muss. Und das nach 2 ½ Jahren, wo er gemacht und getan hat, was von ihm verlangt wurde um hier bleiben zu dürfen. Ich gehe in meinen Kursraum, wo betretende Stille herrscht. Wahrscheinlich wissen sie es schon, dass wieder jemand von ihnen gehen muss. Ich überlege bei mir, der wievielte es in diesem Jahr schon ist. Ich weiß es nicht so genau, aber es kommen immer weniger zum Kurs.

Hoher Besuch

Vor einem knappen Monat hat sich ein Österreichischer Politiker in unseren Kursen angesagt. Bei der Tür, muss sich der über 2 m große Heinz Faßmann bücken, damit er sich nicht den Kopf stößt. Die Kursteilnehmer sind voller Erwartung und haben sich auch informiert, wer denn da zu ihnen kommt. In der Stunde davor, die ich mit ihnen habe, fragt mich einer meiner Teilnehmer ein bisschen bange, wer denn das sei? Der meist aufgeweckte und auch etwas vorlaute Hans meint: „Der ist zuständig für unseren Kurs, der Minister für Bildung oder so!“. Ich habe versucht ihnen die Angst zu nehmen und auch, dass es wichtig ist, dass sie nicht still und teilnahmslos im Kurs sitzen, sondern zeigen sollen, was in ihnen steckt und auch wie sie miteinander umgehen. Vielleicht bringt es was, wenn ein „Migrant“ aus Deutschland dieses hohe Amt besetzt und auch noch Experte für die Einwanderung in Österreich ist. Es ist gut, dass er sich in Kurse wie unseren reinsetzt und sich ein Bild darüber macht, wie Integration in der Erwachsenenbildung möglich ist und wie wir vor Ort arbeiten. Übrigens ist der und die Deutsche immer noch Hauptmigrant/in in Österreich, die Einwanderer aus Afghanistan stehen „nur“ an der 10. Stelle. Auf 505.184 EU Bürger und Bürgerinnen, die in Österreich leben, kommen 45.720 aus Afghanistan (Statistik Austria, veröffentlicht Februar 2018). Die Bücher vom Herrn Bildungsminister befassen sich mit Migration und Integration und beleuchten auch Österreich als Einwanderungsland. Ich bin nicht Expertin seiner Bücher, aber auf die Frage, ob Europa mit der Migration der letzten Jahre überfordert ist, meint Herr Faßmann: „Nein! Zahlen und Fakten belegen, dass die Anzahl der Zugewanderten problemlos in Europa integriert werden könnte“ (Auszug aus dem Buch: Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst: Europa und die Flüchtlinge – Wiener Vorlesungen, 2017, Heinz Fassmann und Anton Pelinka).

Gibt es eine Lösung?

Ich möchte meinen Teilnehmern gerne die Angst nehmen können! Sie kommen aus einem unsicheren Land, wo sie nicht sein können und kommen in ein unsicheres Land, wo sie nicht bleiben dürfen! Wo bleibt hier die Menschlichkeit? Ich war immer stolz eine Österreicherin zu sein, wo es noch „menschlicher“ zugeht als bei vielen unserer Nachbarn. Leider spüre ich davon nicht mehr viel… Ich kann niemanden die Angst nehmen! Ich versuche aber durch einen respektvollen Umgang, meine Wertschätzung, jeden von meinen Teilnehmern zu zeigen. Das Wort „Diskriminierung“ haben sie bei mir in Gesundheit und Soziales gelernt und dass wir alle gleich behandeln müssen. In der EU-Grundrechtecharta (allgemeines Gleichheitsgebot) steht drinnen, dass Diskriminierung verboten ist! Der Artikel 21 enthält ein umfassendes Verbot der Diskriminierung wegen dem Geschlecht, der Rasse, der ethnischen oder sozialen Herkunft… Und was machen wir? Wir schicken Sie zurück in eine unsichere Zukunft, voller Angst, und das nach 2 – 3 Jahren Integration, wo Fritz, Kurtl, Hans und Co… unsere Sprache gelernt haben, ihr Leben hier in Österreich aufgebaut haben, weil sie hier ihre Zukunft sehen und einen Freund oder sogar eine Partnerin gefunden haben. Das ist grausam und ungerecht! Menschen werden dadurch in die Illegalität gedrängt, sie lassen sich nicht einfach zurückschicken. Da ist doch besser abzuhauen und unterzutauchen – wieder in eine unsichere Zukunft, wieder alles auf „Null“ stellen und von vorne beginnen…

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